Die Top-Ninjas Jonathan Jung (23, Bruchsal, Instagram) und Artur Schreiber (32, Münster, Instagram) vertreten Deutschland bei der OCR (Obstacle Course Racing) Europameisterschaft im ungarischen Tata. Vom 9. bis 11. Juni treten sie in der Disziplin OCR100 an, die dem Ninjasport zwar ähnelt, jedoch extrem auf Speed setzt. Der 100 Meter lange Kurs wird in 30 bis 40 Sekunden bewältigt.
Oberes Drittel oder Top10 wäre cool
Welche Chancen die beiden deutschen Vertreter auf europäischem Level haben ist auch für sie selbst schwierig einzuschätzen, der Vergleich mit Ninja – bei dem die europäische Szene durch die TV-Shows recht transparent ist – ist kaum möglich. “Im besten Drittel zu landen wäre schonmal ganz cool”, meint Jonathan Jung. “Mindestens in die Top 10”, formuliert Artur Schreiber sein Ziel, wobei auch für ihn die Konkurrenz recht unbekannt sei, wie er betont. Die Nationalmannschaft für OCR100 besteht neben Jonathan und Artur noch aus Tim Gruber, Jörg Eißmann und Thomas Samtleben, der im April in Senden beim NextLevel Ninja-Turnier auftrat.
OCR-Hindernisse werden gerissen
Artur und Jonathan gehören zu den Besten, wenn es beim Ninjasport um Speed geht. “Die Geschwindigkeit motiviert mich bei OCR100 am meisten”, sagt Jonathan Jung, “und wenn es gleichzeitig noch um eine Europameisterschaft geht, ist meine Motivation gleich nochmal höher.” Auch Artur liebt die Geschwindigkeit, die den größten Unterschied von OCR zu Ninja ausmacht. Bei OCR100 werden werden die technisch vergleichsweise einfachen Hindernisse extrem schnell bewältigt. “Skippen (das Auslassen einzelner Hinderniselemente) wird auf ein neues Level gehoben”, beschreibt Jonathan den wesentlichsten Unterschied. Die Hindernisse werden “gerissen”, oftmals mit einem Schwung und viel Speed durchflogen. “Sprint-Jump-Tab” nennt das Artur: “Mit viel Rennen, einem guten Sprung und kurzen Kontakten zu möglichst wenig Hangelelementen spart man eine Menge Zeit ein”, erklärt der Münsteraner.
Speedtraining in Karlsruhe
In Vorbereitung auf die Europameisterschaft hat Jonathan typische OCR-Hindernisse in seiner Stammhalle, der Ninja-World Karlsruhe, nachgebaut und das Reißen und Speed spezifisch trainiert. Nachdem nun die exakten Hindernisse der EM in Ungarn bekannt gemacht wurden, will er den Parkours nochmal so exakt wie möglich aufbauen und üben. Für Artur gehört Speed zur normalen Vorbereitung dazu, speziell auf die EM vorbereitet hat er sich nicht.
Einige Absagen nach Nominierung durch Deutschen Verband
Der deutsche OCR-Verband (OCRA Germany) hatte mehrere Ninjas in die Nationalmannschaft nominiert. Aufgrund der zeitlichen Nähe zur Aufzeichnung der RTL-Show Ninja Warrior Germany sowie des großen zeitlichen, organisatorischen und finanziellen Aufwands, haben viele Ninjas abgesagt. Aber Jonathan und Artur sind dabei!
Standardisierter Parkour – Weltrekord bei 25 Sekunden
Der OCR100-Hinderniskurs ist weltweit standardisiert: 100 Meter lang, mit 12 Hindernissen bestückt.
- Offset-Step – ähnlich dem Fünfsprung
- Monkey Bars
- 1,5m Wall
- Balance Beam – Schwebebalken
- 4-Wheel Rig
- 2m Wall
- Island Steps
- Rings
- Low Crawl
- Climbing Holds
- Tarzan Swing
- Finish Wall
Die Weltrekorde halten die Philippinen Jaymark Rodelas (Instagram) mit 25.092 Sekunden bei den Männern und Precious Cabuya (Instagram) mit 33.127 Sekunden, aufgestellt Anfang Mai 2023 in Kambodscha.
OCR-Weltverband entwickelt Ninja und OCR100
Ein Weltverband für den Hindernissport entwickelt OCR 100 und die weiteren OCR-Disziplinen: Die Fédération Internationale de Sports d’Obstacles (FISO) oder auch World Obstacle mit Sitz in Lausanne, Schweiz und dem vorsitzenden Präsidenten Ian Adamson (58, USA). Neben OCR gibt es auch Ninja als Disziplin im Weltverband FISO. Der deutsche Verband innerhalb der FISO ist OCRA Germany, mit dem Verbandschef Marcel Wunn.
Ninja Warrior im TV vs olympisch orientierter Sport?
Ninjasport wurde durch die TV-Formate Ninja Warrior geboren, ist verwandt mit OCR (Ausdauerlauf mit Hindernissen), Parkour und Bouldern. Ninjasport hat sich zu einem sehr technischen Sport entwickelt mit sehr spezifischen und hohen Anforderungen an die athletische Physis. Die Athleten bewegen sich meist mehrere Minuten im Parkours, belasten ausdauernd an der Maximalkraftgrenze. OCR100 und selbst der vergangene Ninja-Weltcup werden dagegen zu Sprints entwickelt, mit kurzen, 30-60 Sekunden langen schnellkräftigen Belastungen. Das sind recht verschiedene Anforderungen an den Athleten, auf Top-Niveau kaum zu vereinbaren. TV-Unterhaltung und an Olympia orientierter Sportverband scheinen auf unterschiedlichem Kurs zu liegen.
FISO Weltverband orientiert sich nach Olympia
Wie alle Sportweltverbände versucht auch die FISO ihren Sport für IOC und Olympia attraktiv zu machen. Darin liegt das größte Potenzial und Geld um eine Sportart zu entwickeln. Für das IOC ist wichtig, das eine Sportart in vielen Ländern und einfach zugänglich und attraktiv für Übertragungen im TV ist. Am meisten Entwicklungspotenzial wird dabei in Ländern außerhalb Europas und Nordamerikas gesehen.
Darüber hinaus kooperiert die FISO intensiv mit dem Weltverband für den Modernen Fünfkampf, der als neue fünfte Disziplin den OCR100 Wettlauf aufgenommen hat, dabei das besonders in Europa etablierte Springreiten gestrichen hat.
OCR-EM: https://ocreuropeanchampionships.org
FISO: https://www.worldobstacle.org/
Deutscher OCR-Verband: https://ocra-germany.de/
Steffen Moritz